„Jeder ist einzigartig und wertvoll!“ – Lebenshilfe Braunschweig im politischen Dialog

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Die Stimmung ist konzentriert, aber gelassen. Der Sprecher-Rat der Lebenshilfe Braunschweig und ein Mitglied des Werkstatt-Rats empfangen an diesem Tag politische Gäste. Sie sind solche Treffen gewohnt, wissen, wie politische Gespräche geführt werden. Bereits im vergangenen Jahr besuchten sie den Bundestag und tauschten sich mit der FDP-Abgeordneten Anikó Glogowski-Merten aus. Nun haben sie Vertreterinnen und Vertreter der SPD, FDP und Grünen in Braunschweig eingeladen, um über zentrale gesellschaftliche Themen zu sprechen.

Der Sprecher-Rat ist ein gewähltes Gremium aus sieben Personen, das sich regional und bundesweit für die Interessen von Menschen mit Beeinträchtigung einsetzt. Die Idee hierfür kam aus der Geschäftsleitung der Lebenshilfe Braunschweig, um mehr Mitbestimmung zu fördern. Die Mitglieder sind bestens informiert und verfolgen politische Entwicklungen genau. Sorgfältig haben sie sich auf die Gespräche vorbereitet, um gezielt die Fragen zu stellen, die sie bewegen. Unterstützt werden sie dabei von Johannes Meixner, dem Assistenten des Sprecher-Rats, der die zentralen Anliegen – Fragen, Forderungen und Sorgen – auf den Folien festgehalten hat. Im Mittelpunkt der Diskussion stehen Themen wie Inklusion, Barrierefreiheit und die Angst vor einer Wiederholung der Geschichte.

Inklusion als demokratische Verantwortung

Seit Jahren fordern Behindertenverbände in Deutschland verbindliche gesetzliche Regelungen zur Barrierefreiheit. Der Bedarf wächst: Rund zehn Prozent der Bevölkerung gelten als schwerbehindert – bei den Ü64-jährigen liegt der Anteil schon bei 24,5% – und mit der alternden Gesellschaft wird diese Zahl weiter steigen. Barrierefreiheit umfasst weit mehr als eine rollstuhlgerechte Rampe – es bedeutet zum Beispiel auch sprachliche Hürden abzubauen – etwa durch Wahlprogramme in Leichter Sprache.

Einigkeit besteht darin, dass es hier noch immer deutliche Defizite gibt. Besonders im Bildungsbereich müsse mehr getan werden, um allen Menschen Teilhabe zu ermöglichen und sie nicht zu behindern an dem gesellschaftlichen Alltag teilzunehmen. Auch die politische Bildung müsse stärker gefördert werden.

„Inklusion fängt bei den Kindern an. Es braucht mehr inklusive Schulen und eine Erziehung, die niemanden ausschließt. Bildung ist essenziell für unsere Demokratie – und Inklusion ebenso“, so das gemeinsame Fazit.

„Viel mehr Menschen müssen Barrierefreiheit mitdenken – dann wird sie auch selbstverständlich“, sagt Glogowski-Merten.

Lisa-Marie Jalyschko (Bündnis 90/Die Grünen) ergänzt: „Barrierefreiheit ist kein Sonderwunsch. Sie nützt der gesamten Gesellschaft.“

Finanzielle Belastungen und Mindestlohn für Werkstatt-Beschäftigte

Ein weiteres drängendes Thema sind die steigenden Lebenshaltungskosten. Während Lebensmittel, Mieten und Freizeitangebote teurer werden, bleibt für Werkstatt-Beschäftigte eine grundlegende Frage ungelöst: Warum gibt es für sie noch immer keinen gesetzlichen Mindestlohn?
SPD-Politiker Dr. Christos Pantazis spricht sich für eine „Erhöhung des Mindestlohns auf 15 Euro pro Stunde“ aus. Doch eine Mehrheit im Bundestag dafür sei derzeit nicht in Sicht.

Anikó Glogowski-Merten (FDP) verweist auf die Zuständigkeit einer speziellen Kommission, die über Löhne in Werkstätten entscheidet. Sie betont jedoch, dass eine stärkere Förderung des Wohnungsbaus langfristig helfen könne, finanzielle Belastungen abzufedern:

„Wenn wir es ermöglichen, mehr Wohnungen zu bauen, wird es auch mehr bezahlbaren Wohnraum geben.“

Sorge vor dem Erstarken der AfD

Angesichts aktueller politischer Entwicklungen bleibt ein Thema nicht unausgesprochen: der zunehmende Einfluss der AfD auf die Politik und Gesellschaft.
Dr. Pantazis bringt es auf den Punkt: „Wer die AfD wählt, gefährdet die Würde anderer Menschen. Niemand ist wertvoller als andere.“

Glogowski-Merten betont den Zusammenhang zwischen Bildung und politischer Resilienz:
„Gegen die AfD hilft Bildung. Die Partei arbeitet mit Angst und versucht, Menschen zu verunsichern, um einfache Lösungen anzubieten – die in Wirklichkeit keine Probleme lösen.“

Lisa-Marie Jalyschko unterstreicht die Bedeutung einer klaren Haltung:

„Wir müssen keine Angst haben, denn wir sind nicht allein. Die Mehrheit der Menschen will nicht, dass die AfD ihre Politik umsetzt. Doch es ist wichtig, dass wir uns aktiv für Demokratie und Menschenrechte einsetzen.“ Jalyschko fügt hinzu: „Gegen das Gefühl der Machtlosigkeit hilft das Wissen, dass die Lebenshilfe Braunschweig eine wichtige zivilgesellschaftliche Stimme hat. Eine Stimme, die Einfluss hat. Mit eurer Positionierung könnt ihr zeigen, dass die Haltung der AfD nicht die Mitte der Gesellschaft ist. Unterschätzt nicht eure Stimme!“.

Mit dieser Aussage trifft sie den Nagel auf den Kopf, denn jeder einzelne hat die Chance in einer demokratischen Gesellschaft mitzubestimmen und sich für seine Werte und Anliegen einzusetzen.

Was kann Politik für mehr Mitmenschlichkeit tun?

Am Ende der Gespräche steht die Frage im Raum, wie die Gesellschaft herzlicher und solidarischer gestaltet werden kann.
„Politikerinnen und Politiker müssen Anstand und Haltung zeigen, um als Vorbilder zu wirken“, sagt Pantazis.

Glogowski-Merten plädiert für einen respektvolleren Umgang in der politischen Debatte und mehr soziale Stadtteil-Projekte.

Jalyschko hebt die Bedeutung sozialen Engagements hervor: „Begegnungen, etwa durch ehrenamtliches Engagement oder Nachbarschaftshilfe, stärken das gesellschaftliche Miteinander.“

Demokratische Parteien rücken zusammen – ein Zeichen gegen Spaltung

Der politische Austausch macht eines deutlich: Die AfD mag die Gesellschaft spalten, doch sie zwingt die demokratischen Parteien zugleich, enger zusammenzurücken. Die Sorge vor rechtspopulistischen Entwicklungen eint viele, über Parteigrenzen hinweg. Gerade in Zeiten zunehmender Polarisierung zeigt sich, wie wichtig Zusammenhalt und Dialog sind. Der Sprecher-Rat der Lebenshilfe Braunschweig hat mit seinen Fragen und Forderungen die drängenden gesellschaftlichen Themen auf den Tisch gebracht. Und die Reaktionen der anwesenden Politikerinnen und Politiker zeigen: Über Austausch und gemeinsame Werte lässt sich nicht nur ein Zeichen gegen Spaltung setzen, sondern auch konkrete Veränderung anstoßen. Demokratie lebt von Begegnung – und genau hier liegt die Chance, das gesellschaftliche Miteinander zu stärken.

Treffen mit der CDU an anderer Stelle

Während des Wahlkampfs ergab sich keine Gelegenheit für einen Austausch zwischen CDU-Politiker Carsten Müller und dem Sprecherrat der Lebenshilfe Braunschweig. Umso erfreulicher war es, dass Müller seinen Besuch in der Werkstatt Abbenrode ankündigte, um sich vor Ort ein Bild von der Arbeit der Beschäftigten zu machen. Auf dem Weihnachtsmarkt der Lebenshilfe in Abbenrode, der nicht nur eine feste Tradition für Familien in der Vorweihnachtszeit, sondern auch ein wichtiger Treffpunkt für politische Akteure der Region ist, hatte Müller Werkstattleiter Jörg Troppa bereits einen Besuch zugesagt. Bei seinem Rundgang durch die Werkstatt betonte Müller die zentrale Bedeutung solcher Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigung und würdigte die hohe Qualität der dort angebotenen Dienstleistungen und Qualifizierungsmaßnahmen. Besonders beeindruckt war er von dem Saunabau Vesuvio, der ihm bereits im Eingang auffiel.

„Ich habe diese beeindruckende Einrichtung an einem ganz normalen Arbeitstag besucht, mit den Beschäftigten gesprochen und einen hervorragenden Eindruck von ihrer besonderen Leistungsfähigkeit gewonnen“, so der CDU-Politiker.

Der Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und der Lebenshilfe Braunschweig zeigt: Die Förderung von Inklusion, Barrierefreiheit und gesellschaftlicher Teilhabe ist eine parteiübergreifende Aufgabe. Die Gespräche mit SPD, Grünen, FDP und CDU machen deutlich, dass der Dialog zwischen Politik und Menschen mit Beeinträchtigung essenziell ist, um Veränderungen anzustoßen und neue Sichtweisen zu eröffnen. Die Lebenshilfe Braunschweig wird diesen Weg weitergehen und als starke Stimme für ihre Anliegen eintreten.